
Die Junge Theaterakademie Offenburg aktualisiert Grimmelshausens Utopien
Wie überzeitlich jung und aktuell Offenburgs einziger Autor von Weltliteraturrang, Grimmelshausen, ist, zeigt die Junge Theaterakademie Offenburg. Anlässlich seines 350. Todesjahrs spürte sie fantasievoll seinen Utopien nah.
von Amelie Berns, Badische Zeitung vom 30. Juni 2026
Foto: Armin Krüger
Bunte Kostüme, weite Reifröcke, Bettler, ein Glitzerfisch und Gesellschaftskritik. Es handelt sich um den Theaterabend „Am Ende alles gut?“ der Jungen Theaterakademie Offenburg, rund um die Themen „Verlust“, „Wandel“ und „Utopie“. Anlässlich des 350. Todestages des Offenburger Barockdichters Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen beschäftigten sich die jungen Theaterspielenden mit seinem Leben und seinem Werk „Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch“.
Mummelsee-Utopie
Im Mittelpunkt stand das Stück der Nachwuchsgruppe der Jungen Theaterakademie mit ihrer Eigenproduktion „Sturz in den Mummelsee“. Mitgewirkt haben die 25 Jugendlichen aus dem Wahlpflichtfach Theater der Klasse 6 in Kooperation mit dem Wahlpflichtfach Kunst und der Kunstschule Offenburg. Die Gruppe setzte sich mit der Utopie der Mummelsee-Episode aus dem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch“ vor dem Hintergrund von Grimmelshausens Wirken in Offenburg in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg auseinander.
Es entstand – im Geist des Vorbilds – ein humorvolles Stück mit ernstem Hintergrund, das das Publikum zum Lachen brachte und gleichzeitig zum Nachdenken anregte. Im Stück stürzt Grimmelshausen in seiner Rolle als Bürgermeister von Renchen, gespielt von Karl Heiter, selbst in den Mummelsee und trifft dort auf den Glitzerhut und Sonnenbrille tragenden „Flitzefisch“ (Lukas Göppert). Von ihm lässt er sich zum Mittelpunkt der Erde leiten und erfährt dort von den Sylphen, Naturgeistern, die auf der ganzen Welt als „Katastrophenschutz“ zusammenarbeiten, um überall die Wasserverfügbarkeit bereitzustellen. Bei der aktuellen Hitze sorgte dies beim Publikum für große Sympathien. Die Tiefen des Mummelsees entfalten vor Grimmelshausen eine perfekte Welt ohne Missgunst und Leid. Als er den Wasserbewohnern im Umkehrschluss von seiner Welt erzählen soll, lügt er zuerst, aus Scham gegenüber dem Verhalten der Menschen auf der Erde. Zum Ende des Stücks gibt er seine Lügen zu und schwört, ein Buch zu schreiben, in dem er den Idealstaat im Mummelsee schildert, um die Menschen zu einem besseren Handeln zu bewegen.
Die Gruppe unter der Leitung von Paul Barone brachte ein Stück auf die Beine, das voller künstlerischer und darstellerisch origineller Elemente war. Die Sylphen begeisterten die Zuschauenden immer wieder mit mitreißenden Choreographien, modernen Tanzeinlagen und Gesang. Das Bühnenbild, hergestellt von dem Wahlpflichtfach Kunst der Klasse 6, unterstützte die Szenen durch einfache, bunte und flexible Elemente. Die von Jan Esslinger komponierte Musik sowie das präzise eingesetzte Licht schufen eine besondere Atmosphäre – mal träumerisch, mal düster, mal heiter. Besonders unter die Haut ging die Szenen, in denen Grimmelshausen über die Zustände auf der Welt log. Jede seiner Lügen wurde im schaurigen Licht auf einem erhöhten Podest durch einfache Standbilder aufgedeckt.
Traum einer gerechten Gesellschaft
Auch die Theatergruppe der älteren Schülerinnen und Schüler beschäftigte sich mit Grimmelshausens Werk. Sie präsentierte die Eröffnungsszene ihres neuen Stückes „Simplicissimus“ und gab einen Vorgeschmack der Premiere am 26. November, ebenfalls in der Reithalle. In der Anfangsszene beschreibt Simplicissimus, gespielt von Lasse von Boetticher, seinen Traum von einem „Ständebaum“. Die Wurzeln des Baumes bilden die Bauern und Tagelöhner. Über allen anderen Gesellschaftsschichten befinden sich die Adligen. Dieser „Ständebaum“ beschreibt strikt getrennte Sphären, die von den Schauspielenden als „Tableaus vivants“ dargestellt wurden. Sie bildeten im dämmernden Licht Standbilder, bewegten sich dann langsam und wechselten in neue Posen.
Am Ende der Szene fällt der Baum unter seinem Gewicht zusammen. Es soll sich eine neue Ordnung bilden, in der jeder dafür belohnt wird, was er leistet.
Hitze in der Reithalle
Auch die Theaterwelt blieb von der starken Hitze am Freitag und Samstag nicht verschont. Aufgrund der hohen Temperaturen fiel Freitagmittag die Klimaanlage in der Reithalle aus. Aus Rücksicht auf das Publikum und die Darstellenden wurde der Abend daraufhin um die Hälfte verkürzt. Das geplante Generationentheater, das für den zweiten Teil des Abends angesetzt war, wurde komplett gestrichen. Am Samstag wiederholte dann ausschließlich die 6. Klasse ihren „Sturz in den Mummelsee“.
Utopie einer besseren Welt

Die Bühne in der Offenburger Reithalle wurde zum Schauplatz der Jungen Theaterakademie. Beim „Sturz in den Mummelsee“ nahmen die jungen Darsteller das Publikum mit in eine andere Welt.
von Regina Heilig, Offenburger Tageblatt vom 02. Juli 2026
Foto: Armin Krüger
Verführerischer könnte der Titel eines Theaterstücks kaum klingen, wenn draußen Temperaturen nahe an 40 Grad Celsius zum Dampfen bringen: „Der Sturz in den Mummelsee“. Welch Traum von Erfrischung und Kühle. Leider wartete sowohl am vergangenen Freitag als auch am Samstag eher das Gegenteil auf die Besucherinnen und Besucher der Reithalle, denn auch die Klimaanlage „ließ die Flügel hängen“, bildlich gesprochen. dann also schwitzen und vom kühlen nass träumen.
Spielen wie im Traum
Eine Art Traumsequenz ist es auch, welche die aus Paul Barone, Patrick Labiche und Kateryna Sniedkova bestehende Spielleitung zusammen mit den Darstellern entwickelt hatte. und auf die Bühne brachte. Dabei wurde in doppelter Weise auf Vorgängertexte zurückgegriffen: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, dessen Todestag sich heuer zum 350. Mal jährt, hat nämlich im ersten Roman in deutscher Sprache seinerseits auf eine Schwarzwälder-Sage zurückgegriffen, der vom Königreich am Grunde des Mummelsees.
Er lässt seinen Helden, den ausgesprochen naiven „Simplicissimus“, der auch als Erwachsener die Welt mit Kinderaugen betrachtet und alle Eindrücke völlig ungefiltert aufnimmt, in den See zu all den Wasserwesen abtauchen. Für die Zeit war es übrigens durchaus üblich, dass eine Romanhandlung nicht nur auf der Erde, sondern zumindest teilweise auch in einer wie auch immer gearteten Unter- oder Anderswelt spielt. Gemischt wurde die Romanvorlage mit sehr realem, menschlichen Tun. Da ist zunächst einmal der starke Kontrast zwischen der mörderischen Welt, in welcher der verheerende Dreißigjährige Krieg wütet, und dem friedlichen Reich des Königs des Mummelsees. Idyllisch – oder nicht vielmehr „langweilig“, wie manche der „Sylphen“ maulen?
Barocke „Gossip Girls“
Der Soldat und Schriftsteller Grimmelshausen, um den sich im Theaterstück alles dreht, steht kurz vor einem Karrieresprung (er wird von 1667 bis 1676 Bürgermeister von Renchen sein), und ebenfalls kurz vor der Heirat mit Katharina. Aber wie es eben so ist, die wunderschönen Sylphen im Mummelsee sind auch nicht zu verachten. Die „Gossip Girls“ des Barockzeitalters tragen der Braut die Untreue ihres Liebsten brühwarm zu – was diese letztlich nicht hindert, die Ehe einzugehen. Vor einer mit einfachen Mitteln lebendig gemachen Seekulisse (Léa Broussard und eine Kunstklasse des Grimmelshausengymnasiums) und in fantasievollen Kostümen (Cornelia Barone) entfaltet sich die Handlung. Schön verarbeitet sind etwa Tanzelemente von Stepptanz bis zum Bollywoodstil, mit denen die Sylphen zur Musikkomposition von Jan Esslinger miteinander wetteifern. Reichlich Applaus dankte den Darstellern und dem Team, darunter auch Bundesfreiwilligendienstler Colin Thiel, für ihre Leistung.
Bei „Sturz in den Mummelsee“ wirkten mit: Levin Ankun, Felix Appel, Thea Claaßen, Vincent Darsch, Annika Dehmer, Karl Doepel, Faidra Douventzidou, Zoé Eckel, Souhel Elkaldaoui, Emma Fiorilli, Lukas Göppert, Karl Harter, Michelle Herubin, Aurelia Hummel, Felicia Klötzl, Lily Lehmann-Horn, Charlotte Mildenberger, Leonhard Padtberg, Lara Pönisch, Leni Raus, Paulina Roberg, Helena Sauer, Ylva Schwarz, Bendix Siefert, Luna Springer, Marina Tissen, Ioannis Tsatalbassidis und Finn Woitas.