
Auf der Bühne lebt sie weiter
Mit Kateryna Sniedkova hat eine beeindruckend starke und künstlerisch hochbegabte Frau durch einen Femizid in Offenburg viel zu früh ihr Leben verloren. In der Theaterakademie bleibt sie unvergessen.
von Franziska Heck, Offenburger Tageblatt vom 11.7.2026
Sie war leidenschaftlich. Sie war talentiert. Und vor allem war sie stark: Kateryna Sniedkova war kurz davor, sich endlich ihren Traum von einem sicheren, glücklichen Leben zu erfüllen, und das, obwohl sie viele harte Schicksalsschläge erlitten hatte. Doch einer sollte noch folgen, einer, der diesen Traum zerplatzen ließ. Der sie ganz auslöschte. Denn am Montagmorgen wurde sie in Offenburg auf offener Straße erschossen.
Fast glücklich
Vor vielen Jahren hatte Kateryna Sniedkova schon mal dieses Gefühl. Das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Dass jetzt alles gut werden kann. Sie lebte in Charkiw in der Ukraine und unterrichtete dort an der Hochschule der Künste Theater mit Schwerpunkt Pantomime. Hatte ihre große Leidenschaft zum Beruf gemacht. Gleichzeitig arbeitete sie als Schauspielerin in einem jüdischen Theater. Ihr Mann war selbst sehr der Kunst zugetan, er organisierte die Tontechnik bei Auftritten, und ein gemeinsamer Sohn machte das Familienglück perfekt.
Dann brach der Krieg aus. Die Stadt Charkiw, einst die Hauptstadt der Künste, wurde zu einem Ort des Todes. Das Glück zerbrach. Und der nächste schwere Schicksalsschlag ließ nicht lange auf sich warten: Ihr Mann starb an Krebs. Als sehr junge Witwe verließ Kateryna Sniedkova die Ukraine mit ihrem kleinen Sohn, der seinen Vater viel zu früh verlor.
Voller Leidenschaft
So kam sie im April 2024 nach Offenburg. Im Juni stellte eine Mitarbeiterin der Caritas dem Leiter der Jungen Theaterakademie, Paul Barone, die junge Frau vor. „Ich habe das Bild von ihr noch ganz präsent vor Augen“, erinnert sich Barone an das erste Treffen. „Sie strahlte eine Leidenschaft fürs Theater aus und eine große Motivation. Aber sie hatte auch eine vorsichtige, abwartende Haltung.“
Natürlich hatte sie die. Den brutalen Krieg und ihren toten Mann noch frisch in Erinnerung, war sie gerade erst in einem Flüchtlingsheim untergekommen. Der Leiter der Jungen Theaterakademie versuchte alles, um Kateryna Sniedkova die Möglichkeit zu geben, ihr künstlerisches Potenzial auch hier auszuschöpfen.
Sie gab nie auf
Und das tat sie. Als talentierte Schauspielerin brachte sie sich in den Theaterproben voll ein. Sie zeigte den Schülern geduldig und detailliert, wie sie sich auf der Bühne bewegen mussten, durchdachte ihre Choreografien bis in jede Fingerspitze. „Sie hatte ganz oft leuchtende Augen dabei“, erinnert sich Barone. „Aber es war auch immer eine Grundtraurigkeit bei ihr spürbar, eine gewisse Melancholie. Sie hat ja so viel Hartes durchgemacht.“ Und trotzdem gab Kateryna Sniedkova nie auf, kam immer wieder hochmotiviert und mit neuen Ideen in die Probe.
Große Begabung
Ihre Bühnenerfahrung und ihre Begabung beeinflussten die Junge Theaterakademie auf nie dagewesene Weise. „Wir haben schnell gemerkt, was sie uns geben kann“, erklärt Barone. Er erinnert sich an eine Szene, in der ein Schüler einen Koch verkörpert, der umständlich einen großen, schweren Suppentopf über die Bühne schleppt und schließlich das Gleichgewicht verliert, sodass der Inhalt des Kessels im Publikum landet. Nur, dass es gar keinen Topf gab. Er musste die Situation einzig und allein mit seinem Körper zum Ausdruck bringen. Eine wahnsinnig anspruchsvolle Aufgabe im Theater – aber Kateryna Sniedkova hatte so intensiv mit ihm geprobt, dass es ihm perfekt gelang.
Ganz neue Einflüsse
Danach begannen die Schüler immer öfter, pantomimische Szenen in ihre Stücke einzubauen. So brachte Kateryna Sniedkova etwas ganz Neues in die Junge Theaterakademie. Schon bald übernahm sie auch eine Gruppe des Generationentheaters und choreografierte ein eigenes Stück für die Teilnehmer des Instituts für Deutsche Sprache (IDS).
Anfangs redeten alle auf Englisch mit ihr, sie hörte viel zu und ließ sich darauf ein, wie die Schüler und Teilnehmer arbeiteten, passte sich an. „So hat sie sich sehr schnell bei uns integriert“, sagt Barone. „Sie brauchte Zeit, sich zu öffnen, aber es passierte, und irgendwann sprachen wir nur noch Deutsch mit ihr.“ Sie verliebte sich neu, auch ihr Sohn fühlte sich inzwischen wohl, bei Aufführungen konnte er in die Fußstapfen seines Vaters treten und bei der Tontechnik helfen.
Von der Zukunft geträumt
Das war der Moment, ab dem Kateryna Sniedkova mehr wollte. Bisher bekam sie nur eine kleine Aufwandsentschädigung, aber sie träumte von einem Vollzeitjob, von finanzieller Sicherheit. Ihr war klar: Dafür musste sie ihr Deutsch perfektionieren. Deshalb begann sie im Dezember 2025 einen Bundesfreiwilligendienst bei der Jungen Theaterakademie, weil dieser einen kostenlosen Sprachkurs beinhaltet. Zwölf Monate sollte der dauern.
Aber es wurden nur sechs.
„Ende dieses Jahres wäre sie fertig gewesen. Dann hätte sie ein sehr gutes Sprachniveau gehabt und hätte sich bewerben können“, sagt Barone. Und noch etwas war ihr nicht vergönnt: Da es bei der letzten Aufführung der Jungen Theaterakademie Ende Juni viel zu heiß war, wurde das Programm verkürzt. Ihr eigenes Stück war es, das verschoben wurde – auf September.
Eine Aufführung als Hommage
„Da konnten wir ja noch nicht ahnen…“, sagt Barone, das Ende des Satzes bleibt in der Luft hängen. Kateryna Sniedkova wird ihr Stück „Du bist nicht allein“ nie auf der Bühne sehen. Aufgeführt werden soll es dennoch. Als eine Hommage an seine talentierte Schöpferin. Schließlich hätte auch sie aus tiefster Überzeugung gesagt: „The show must go on“.
HINTERGRUND: Kateryna Sniedkova wurde am Montagmorgen in der Händelstraße von ihrem Stalker erschossen, der daraufhin sich selbst tötete. Eine Tat, die ganz Offenburg erschütterte.
Spendenaktion für ihren Sohn
Zusammen mit der Bürgerstiftung hat die Junge Theaterakademie eine Spendenkampagne ins Leben gerufen. Diese wird speziell für Kateryna Sniedkovas Sohn eingerichtet, der mit nur 13 Jahren nun beide Eltern verloren hat. Damit soll er seine Kosten- und Wohnsituation finanzieren können, aber auch in Zukunft eine Ausbildung oder Ähnliches. Die Stiftung gibt ihm die Gelder dann auch nur zweckgebunden frei.