„1601-Hexenwahn in Offenburg“: Ein grandioser Theaterabend der Jungen Theaterakademie

Der Jungen Theaterakademie ist mit dem Stück „1601 – Hexenwahn in Offenburg“ eine eindrucksvolle Inszenierung gelungen – vor allem in der Personenzeichnung und bei den Folterszenen.

Foto: Armin Krüger

von Juliana Eiland-Jung, Badische Zeitung vom 21. November 2025

Es ist Zufall, dass die Premiere des Stückes „1601 – Hexenwahn in Offenburg“ an einem 19. November stattfand. Genau 424 Jahre, nachdem Maria Vetter und ihre erst 14-jährige Tochter Agathe in Offenburg als Hexen angeklagt wurden. Aber es ist ein sehr stimmiger Zufall, denn die Junge Theaterakademie unter Leitung von Paul Barone hat in ihrem selbst entwickelten Stück eine Verbindung zwischen damals und heute geschaffen, obwohl die Inszenierung ganz in ihrer Zeit verhaftet bleibt.

Es ist – inzwischen – eine Seltenheit am Theater, dass das Stück auf Flashforwards zu Internet-Mobbing, Fake-News und Sündenbock-Anklage an Zuwanderer verzichtet, die man als moderne Varianten des damaligen Hexenwahns deuten kann. Doch die Übertragungsleistung müssen die Zuschauer selbst hinbekommen. Und so wirbeln die 50 jungen Schauspielerinnen und Schauspieler in einem bunten Kostümfest über die Bühne, als fein ausstaffierte Ratsherren oder ländlich gekleidete Winzerfrauen in weiten Röcken und bunten Miedern zu mittelalterlich anmutender Musik, die zum Teil sogar live dargeboten wird.

Ein schriller Schrei aus dem Off

Agathe steht im Mittelpunkt der – mit Pause – fast dreistündigen Aufführung. Darin wird nicht nur das an der Offenburger Kunstschule von Neuntklässlerinnen der Klosterrealschule entstandene schlichte, aber eindrucksvolle Bühnenbild bespielt, sondern auch der Zuschauerraum in die Inszenierung miteinbezogen. Schon der Anfang setzt ein Zeichen. Ein schriller Schrei aus dem Off, ein Soundtrack von düsteren Klängen, hysterisches Lachen und Schreie der hereinstürmenden Menschenmassen, die sich in einer ersten bildstarken Choreografie tanzend und stampfend auf der Bühne formieren.

Immer wieder gibt es diese Massenszenen, die die Menschen bei der Arbeit zeigen, im Gottesdienst, im Wirtshaus. Und es gibt kurze Dialogszenen, in denen die Handlung des Stückes vorangetrieben wird. Diese lehnen sich direkt an die Offenburger Ratsprotokolle an, sind also historisch belegt. Und völlig ungeschönt ist darin – dank der Transkription von Marcus Roth – für jeden zu lesen, dass die als Hexen angeklagten Frauen erst durch Folter zu ihren Geständnissen gezwungen wurden. Auf der Bühne wird diese Folter nicht durch die bekannten Folterinstrumente dargestellt, so wie überhaupt auf Requisiten weitgehend verzichtet wird. Stattdessen fügt sich das Volk zu einer Art Krake zusammen, die vielarmig die Angeklagten bedrängt und den Hals zudrückt, so lange, bis diese zugeben, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Ein treffendes Bild, denn es sind ja nicht Instrumente, die foltern, sondern immer Menschen.

Nur schwach brennt das Licht der Vernunft und des menschlichen Mitgefühls

Wie die Junge Theaterakademie das Stück entwickelt hat, lässt sich an der Rückwand der Zuschauertribüne nachvollziehen, wo der dazugehörige „Dramaturgie-Baukasten“ aushängt. Das ist hilfreich, wenn man den Überblick über das große Personaltableau behalten will, in dem die Familien der Gwinners und der Laupachs, die Silberrads und Spieß‘ aufeinandertreffen. Machtspielchen zwischen Ratsherren, Konkurrenz zwischen Handwerkern, Liebesgeschichten und Familienzwiste spielen mit hinein in die Konflikte um schlechte Ernten und in tragische Ereignisse wie den frühen Tod zweier Kinder. Die einen beschuldigen die Ehefrauen missliebiger Konkurrenten bewusst als Hexen, um sie aus dem Weg zu räumen. Die anderen können sich Schicksalsschläge und Misserfolge nur durch Hexerei erklären. Taktisches Kalkül und Aberglaube – beides trägt zum Hexenwahn 1601 bei.

Nur schwach brennt das Licht der Vernunft und des menschlichen Mitgefühls, doch es leuchtet umso eindringlicher immer wieder auf. Agathe, hervorragend gespielt von Paula Raus, wandelt sich von der heiteren Jugendlichen zur nachdenklichen, erschütterten jungen Frau, die das Ganze überlebt hat. Mehr noch als die sehr guten Einzelleistungen der vielen jungen Darstellenden zählt aber gerade bei diesem Stück die Gemeinschaftsleistung der Jungen Theaterakademie. Riesenapplaus zum Schluss.

Von Angst und Macht vergiftet

Die Junge Theaterakademie hat in der Reithalle das neue Stück „1601 Hexenwahn in Offenburg“ auf die Bühne gebracht. Die Geschichte ist erschütternd. Das soll sie sein, auch mit Bezug zu heute.

von Natali Bergen, Offenburger Tageblatt vom 22. Oktober 2025

Offenburg. Mit Tumult beginnt alles. Gebrüll, Gekreische, irres Gelächter. Von hinten durch die Reithalle stürmt das Ensemble nach vorn auf die Bühne, drängt sich um eine am Boden liegende Gestalt und zieht das Publikum unmittelbar in die fiebrige Atmosphäre dieses außergewöhnlichen Theaterabends. „1601“, die neue Produktion der Jungen Theaterakademie Offenburg unter der Leitung von Paul Barone, muss nicht erklären – sie will spürbar machen. Eine große Kulisse braucht es dafür nicht. Im Hintergrund leuchten die stilisierten „Sieben Linden“, jener unheimliche Ort, der in den überlieferten Geschichten als Schauplatz des Hexensabbats gilt. Alles andere entsteht aus den Körpern der jugendlichen Darsteller in ihren historischen Kostümen: gemeinsames Arbeiten, Waschen an der Kinzig, Familienszenen, Kirchgänge – zunächst noch unbeschwert, bis die Stimmung kippt. Ereignisse wie ein Diebstahl, eine Missernte oder der Tod zweier Kinder genügen, um ein gefährliches Geflecht aus Gerüchten, Verdächtigungen und Rufmord zu entfachen.

Mutter beschuldigt

Im Zentrum steht die 14-jährige Agathe Gwinner, eindringlich gespielt von Paula Raus. Als sie morgens weinend vor den Stadttoren gesehen wird, gerät sie in Verdacht. Unter dem Druck des Verhörs hält sie der angedrohten Folter nicht stand und belastet ihre Mutter Else Gwinner – ein Schritt, der sie selbst schützt, ihre Mutter jedoch das Leben kosten sollte. „1601“ zeigt eindrucksvoll, wie schnell aus Gerede Anschuldigungen werden und wie eine Stadt in den Strudel aus Angst, ständischen Machtkämpfen, Missgunst und sozialem Umbruch gerät. Freundschaften zerbrechen, Ehepartner werden beschuldigt, der Stadtrat sieht den Stadtfrieden in Gefahr und fürchtet um seine Stellung. Während einigen Verdächtigen heimlich zur Flucht verholfen werden kann, wiegt die Anklage gegen Else Gwinner (Alexandra Bilger) und weitere Frauen schwer: „Im Bund mit dem Teufel.“ Die Geständnisse werden unter der „peinlichen Befragung“, der Folter, erzwungen. Gewalt zeigt die Inszenierung bewusst nur stilisiert. Der Ruf „Die Hexen müssen brennen“ wird laut, und das Schlussbild entfaltet eine verstörende Apokalypse: vier als „Hexen überführte“ hingerichtete Frauen, erstarrt im „Feuer, das sie vom Leben zum Tode bringt“. Agathe selbst wird verbannt – aus einer Stadt, die von Angst und Macht vergiftet ist. In einem Solo-Lied bringt Paula Raus Agathes Geschichte zu einem erschütternden Ende, das lange nachhallt. Der Applaus setzt zögerlich ein, schwillt dann aber zu einer Klangwolke an, als wolle er der bedrückenden Stimmung im Offenburg des 17. Jahrhunderts etwas entgegensetzen. Regisseur Paul Barone ging es um mehr als historischeRekonstruktion. „Erinnerungskultur ist wichtig – und sie ist nicht immer bequem“, sagt er. Offenburg sonne sich gerne im Glanz der Revolutionäre – „aber die Beteiligung an der Hexenverfolgung gehört auch aufgearbeitet“. Grundlage des Stücks sind die Offenburger Ratsprotokolle von 1601, die im Verlauf immer wieder im Original zitiert werden: sachlich, kalt, erschütternd. Zahlreiche Improvisationen erarbeitete Barone mit seinen Darstellerinnen und Darstellern, um konkrete Situationen der Jahre 1601 und 1602 in die Inszenierung zu übertragen. Seit Januar arbeiteten die Jugendlichen an dem Projekt und erfuhren dabei in der Impro-Arbeit selbst, wie dünn die Grenze zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss sein kann – und wie erschreckend aktuell das Thema im digitalen Zeitalter bleibt, in dem Fake-News und Cybermobbing als Brandbeschleuniger wirken.

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