„Mein Impuls war quallig“

OT-Serie „Verliebt in (26) „: Simon Frädrich begann in der Jungen Theaterakademie Offenburg als Pirat, heute steht er regelmäßig in Theater- und Musicalproduktionen auf der Bühne.

von Natali Bergen, Offenburger Tageblatt

Foto: Andreas Wenck

Eine Qualle also. Ausgerechnet. Beim Improvisieren sollte Simon Frädrich Verzweiflung körperlich darstellen. „Mein Impuls war irgendwie quallig“, erzählt er. Was skurril klingt, führt ziemlich genau zu dem, was den 23-Jährigen am Schauspiel fasziniert: nicht so zu tun, als wäre man jemand anderes, sondern herauszufinden, wie es sich anfühlt, jemand anderes zu sein.

„Schauspiel ist viel weniger Spiel und viel mehr Sein“, sagt Frädrich. Das Publikum soll ihm die Figur „abkaufen. Und zwar richtig“. Mit dem Bild von der brotlosen Kunst kann er wenig anfangen, Schauspiel ist für ihn Beruf. Und Berufung. Geboren in Gengenbach, aufgewachsen in Ohlsbach, heute in Langhurst zu Hause, wollte Frädrich als Kind zunächst Sänger werden. In der sechsten Klasse kam er zur Jungen Theaterakademie Offenburg. In „Peter Pan“ spielte er einen Piraten, später in „Odysseus“ seine erste größere Textrolle — ausgerechnet einen alten Mann. Er blieb dem Theater treu. Dann kam Aidan. 2019 arbeitete die Junge Theaterakademie an „Robin Hood“. Die Titelrolle wurde weiblich besetzt, der damals 16-jährige Simon sollte ihren älteren Bruder spielen. Doch dieser Bruder existierte zunächst kaum. Er musste erst entstehen.

„War mein Baby“

Und plötzlich durfte Frädrich selbst entscheiden: Wie ist Aidan? Wie spricht er? Was treibt ihn an? Er machte ihn forsch und beschützend, gab ihm nach und nach Haltung und Persönlichkeit. „Das war mein Baby“, sagt er heute. Aidan wurde zum Wendepunkt. Frädrich merkte, dass ihn nicht nur das Spielen einer fertigen Figur reizte, sondern ihre Entstehung: suchen, ausprobieren, verwerfen, neu ansetzen. Da war das Feuer endgültig da.                                                                                                                                                                  

Nach der Realschule und einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Kindergarten begann er 2021 seine Ausbildung an der Freiburger Schauspielschule. Acht Semester, vier Jahre, sechs Studenten. Für „Die Strindberg Sonate“, ein biografisches Stück über August Strindberg, lernte Frädrich sogar Bassgitarre und ein wenig Klavier. Auch das gehört für ihn zur Verwandlung: sich etwas anzueignen, das vorher nicht zum eigenen Leben gehörte, bis es Teil einer Figur werden kann.                                                                                                  2025 schloss Frädrich seine Schauspielausbildung ab. Seitdem ist sein Kalender eher voller als leer, mit Engagements in Frankfurt sowie im Raum Lörrach/BaseI. Dort steht auch „Der Besuch der alten Dame“ als Musical auf dem Programm — und so darf der Junge, der einst vor DSDS Sänger werden wollte, nun doch auf der Bühne singen. Engagements entstehen über Castings, Kontakte, Netzwerke, Instagram und Mundpropaganda. Eine Festanstellung? „Ein Jackpot“, sagt Frädrich. Bis dahin gehören Klinkenputzen und viele Kilometer auf der Straße zum Beruf.

Offenburg. Frankfurt. Lörrach, Basel: Zeitgleich laufen unterschiedliche Produktionen, Proben und Texte. Wie hält man mehrere Figuren gleichzeitig im Kopf? Es sei vor allem mentale Arbeit, sagt Frädrich. Denn nicht nur die Texte müssen auseinandergehalten werden. Jede Figur braucht ihren eigenen Raum, ihre Haltung, ihre innere Logik. Die Spontaneität dieses Lebens gefällt ihm. Eine Rolle muss für ihn auch am Premierentag nicht endgültig fertig sein. Sie darf sich verändern. Improvisation gehört deshalb unbedingt dazu.

Ganz verlassen hat Frädrich den Ort seiner eigenen Anfänge ohnehin nie. Bei der Jungen Theaterakademie Offenburg ist er heute selbst Teil der Leitung. Nun beobachtet er Jugendliche bei ihren ersten Schritten auf der Bühne — und erkennt sich manchmal in ihnen wieder. Wenn jemand plötzlich mutiger wird, etwas ausprobiert, dass er sich vorher nicht zugetraut hatte. Wenn dieser Funke überspringt, dann flattern die Schmetterlinge im Bauch. „Ich lieb’s“, sagt er. Er versucht, Talente zu erkennen und Wege zu ebnen — vielleicht auch für diejenigen, die irgendwann selbst aus dem Spielen einen Beruf machen möchten. Simon Frädrich selbst hat noch einiges vor. Ganz oben auf seiner Wunschliste stehen Hamlet und Romeo. Das passt. Er liebt den Sturm und Drang, das Ungebändigte. „Herz. Feuer. Leidenschaft“. Ihn reizen Figuren, die nicht auf Sparflamme fühlen. Auf der Bühne darf all das hinaus, was im gewöhnlichen Leben oft eingehegt wird.

Langfristig zieht es ihn nicht ausschließlich ans Theater. Film interessiert ihn sehr, eigentlich sieht er sich sogar als „Filmtyp“. Auch Regie, Synchronsprechen oder das Einlesen von Büchern kann er sich vorstellen. Gerade beim Synchronbereich beobachtet er allerdings mit Sorge, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig spielen könnte. Festlegen möchte er sich noch nicht. Lieber ausprobieren, lernen, spielen. Und sich verwandeln.

Filme und Theaterstücke schaut Frädrich heute anders als früher. Die Ausbildung hat seinen Blick geschärft. Er erkennt Techniken, sieht, wie etwas gemacht wurde. Trotzdem zählt am Ende, ob ihn etwas erreicht. „Was mich berührt, kann nicht schlecht sein.“ Er vergleicht es mit gutem Essen: Man kann satt werden, es kann sogar schmecken — und trotzdem fehlt manchmal die letzte Finesse. Auch beim Verinnerlichen einer Rolle genügt Handwerk allein nicht. Etwas muss ankommen. Am besten alles.

Simon Fradrich verliebt sich gerne. In Gefühle, In Figuren. In Möglichkeiten.

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