Zeichen der Verbundenheit

Beim Theaterabend der Jungen Theaterakademie wurde auch die Performance der im Juli 2026 gewaltsam verstorbenen Theaterdozentin Kateryna Sniedkova aufgeführt. Aber nicht nur deshalb lohnte sich für die Zuschauer der Besuch in der Offenburg Reithalle.

von Natali Bergen, Offenburger Tageblatt

Foto: Armin Krüger

Es war der zweite Anlauf für einen Theaterabend, der im Juni wegen großer Hitze hatte verkürzt werden müssen. Unter dem Dreiklang „Verlust, Wandel, Utopie“ wurde nun das ausgefallene Programm nachgeholt. „Sturz in den Mummelsee“ der Jungen Theaterakademie schlug zu Beginn noch einmal die Brücke zum ersten Teil des Abends.

„Du bist nicht allein“

Zum ursprünglich geplanten Programm gehörte auch eine Performance mit dem Titel „Du bist nicht allein“ von Kateryna Sniedkova, die sie selbst entwickelt und mit Menschen aus ihrem Umfeld am Institut für Deutsche Sprachen (IDS) einstudiert hatte. Nach ihrem Tod im Juli bekam deren Aufführung nun eine ganz andere Bedeutung. Im roten Licht stehen die schwarz-weiß gekleideten Darsteller verteilt auf der Bühne, dunkle Brillen vor den Augen. Sie tasten und klopfen unsichtbare Wände ab, suchen Orientierung. Als einer seine Brille verliert, nimmt er auch den anderen ihre ab. Erstaunt entdecken sie einander, reichen sich die Hände — sie sind nicht allein. Das Licht wechselt von Rot zu Blau, Vogelgezwitscher erklingt. Die Anspannung weicht, die Bewegungen werden fließender und ruhiger. Doch die Leichtigkeit hält nicht lange vor. Rucksäcke und Koffer kommen ins Spiel, Lautsprecherdurchsagen ertönen, Abschiedsszenen und hektische Geschäftigkeit bestimmen den Aufbruch. Inmitten dieser Unruhe wird ein auf dem Boden liegendes Seil zum Zeichen der Verbundenheit. Gemeinsam heben es die Mitwirkenden empor und geben einander die Botschaft, die Kateryna Sniedkovas Performance ihren Titel gab. Schließlich ruft die ganze Gruppe im Chor: „Du bist nicht allein“. Mit wenigen Worten und starken Bildern erzählt das Stück von Orientierungslosigkeit und Fremdsein, vor allem aber davon, wie aus Vereinzelung Gemeinschaft und Hoffnung entstehen können. Seine pantomimische Klarheit lässt dabei viele Assoziationen zu.

Hommage an Kateryna

Dass die Mitwirkenden das Stück nun ohne seine Initiatorin auf die Bühne brachten, verlieh gerade dem gemeinsamen Schlussruf zusätzliche Bedeutung. Sie vollendeten damit, was Kateryna Sniedkova begonnen hatte, und machten die Aufführung zugleich zu einer sehr gelungenen Hommage an sie. Anschließend übernahmen zwei Gruppen im Wechsel die Bühne und näherten sich der „Utopie Mensch“ aus unterschiedlichen Richtungen: das Generationentheater der VHS Offenburg und die Fachklasse Tanz der Kunstschule Offenburg. Mal erzählerisch und mit Humor, mal ganz über Bewegung und Körperausdruck entstanden Bilder von Lebensentwürfen, Wandel und der Frage, was vom Traum eines gelungenen Lebens übrigbleibt.

„Noch (m)ein Leben?“

In „Noch (m)ein Leben?“ ließ die VHS-Gruppe eine ganze Biografie im Zeitraffer vorbeiziehen. Alltagsszenen jagten sich, kaum war ein Bedürfnis erfüllt, lauerte schon das nächste. Konsum gehörte zum vermeintlich gelungenen Leben: Alles ist verfügbar, alIes nur einen Mausklick entfernt. Am Ende verschwand die Hauptfigur unter einem Berg von Kleidungsstücken. Die Fachklasse Tanz der Kunstschule setzte anschließend mit „Wandelhin“ und „Taumelher“ andere Akzente. Ruhige, konzentrierte Bewegungen wechselten mit Momenten des Schwankens und Kontrollverlusts. Einzelne fanden zueinander, Gruppen formierten sich und lösten sich wieder auf, Halt wurde gesucht und wieder verloren. Wandel und Taumel wurden so nicht nur dargestellt, sondern körperlich erfahrbar. Beide Gruppen überzeugten in ihren Performances mit bemerkenswerter körperlicher Präsenz und Ausdruckskraft und zeigten, wie unmittelbar sich Geschichten und GefühIe unabhängig vom Alter über den Körper vermitteln lassen. Dass die Auseinandersetzung mit der „Utopie Mensch“ keineswegs nur ernst ausfallen musste, zeigten die Tanzperformances mit reichlich Lust am Grotesken. Rote Pömpel wurden zu Requisiten, dazu rauschte eine Toilettenspülung durch den Saal. Fast schien es, als werde die große Utopie kurzerhand hinuntergespült — eine ziemlich handfeste Brechung der hochfliegenden Entwürfe. Zum Schluss wurden die Worte „Utopie“ und „Grenzen“ selbst zum Spielmaterial: Die Performer ordneten die Begriffe auf Tafeln immer wieder neu an und verschoben so die Bedeutungen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage, die über dem Abend stand, gab es damit nicht. War „am Ende alles gut“, wenn doch Grenzen, Verluste und Unsicherheiten bleiben? Doch Gemeinschaft, Wandel und die Fähigkeit, neue Perspektiven zu entwickeln, ließen zumindest die Hoffnung aufscheinen, dass es anders werden kann. Im Anschluss waren die Besucher zu einem Publikumsgespräch eingeladen.

Theaterabend als Hommage an Kateryna Sniedkova

Ein bewegender Abend der Jungen Theaterakademie Offenburg hat an Kateryna Sniedkova erinnert. Jugendliche und Erwachsene verhandelten Verlust, Wandel und Utopie auf sehr persönliche Weise.

von Carola Bruhier, Badische Zeitung

Foto: Armin Krüger

„Verlust – Wandel – Utopie. Am Ende alles gut?“ Das ist das Thema des Abends der Jungen Theaterakademie Offenburg, eine Wiederaufnahme des Theaterabends vom Juni, der wegen extremer Hitze verkürzt werden musste. Der Abend war auch eine Hommage an die ukrainische Theaterschaffende Kateryna Sniedkova, die im Juli in Offenburg von einem Stalker erschossen wurde. Die Choreografien in zwei der aufgeführten Stücke tragen ihre künstlerische Handschrift. Zweigeteilt war dieser Mittwochabend in der Reithalle: In der ersten Hälfte brachten Siebtklässler des Grimmelshausen-Gymnasiums ihr Stück „Sturz in den Mummelsee“ auf die Bühne, im zweiten Teil interpretierte das „Generationentheater“ mit Darstellern der Volkshochschule, der Kunstschule und des Instituts für Deutsche Sprache das Thema. Bei dem Theater mit Jugendlichen steht Kateryna Sniedkova neben Paul Barone und Patrick Labyche als Teil der Spielleitung im Programm. Das Stück „Du bist nicht allein“ der Projektgruppe des Instituts für Deutsche Sprache hatte sie inszeniert. „Seit dem 6. Juli haben sich die drei Leitworte des Themas in ihrer Bedeutung grundlegend verändert. An diesem Tag haben wir unsere Kollegin und Freundin Kateryna Sniedkova durch ein unfassbares Gewaltverbrechen verloren. Wir wissen nun: Am Ende wird nicht immer alles gut“, erinnerten Mattia Catini und Colin Thiel in ihrer Begrüßung. Wenn es den Darstellern an diesem Abend gelänge, ihre „persönliche Utopie“ von Schaffenskraft und Gemeinschaft erfahrbar zu machen, wäre vielleicht ein „Heute alles gut“ möglich, so die Moderatoren, bevor sie die Bühne für den „Sturz in den Mummelsee“ freigaben. Zum diesjährigen 350. Todesjahr von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen haben die Schülerinnen und Schüler des Wahlpflichtfachs Theater die Mummelsee-Episode aus Grimmelshausens Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch“ als ein Spiel zwischen Realität und Utopie erarbeitet. Der junge Grimmelshausen […] gerät nach den Wirren und Gräueln des Dreißigjährigen Kriegs in eine utopische Unterwasserwelt. Dort lebt eine Königsfamilie harmonisch und gleichberechtigt mit den Sylphen. Diese Unterwassergeister sind dafür zuständig, die Quellen der Erde und damit die Seen und Flüsse der ganzen Welt aus dem Mummelsee zu speisen und so die Erde zu kühlen. Zusammen tanzen die blaugekleideten Mädchen stellvertretend für die verschiedenen Nationen und Kulturen der Welt – China, Australien, Griechenland, Frankreich… Schwarzwald. Gelächter aus dem Publikum. Nach der Welt „dort oben“ gefragt, muss Grimmelshausen erzählen, von Krieg, Gier, Neid, Untreue, Hunger und Armut. Ein lustig gekleideter Fisch sorgt dafür, dass er von der Dichtung immer wieder bei der Wahrheit landet. Was ist Lüge, was Wahrheit? Was ist Erzählung und Fantasie? Wo liegen die Grenzen zwischen Utopie und Realität, wo ihre Überschneidungen? Nach der Pause ging es weiter mit „Du bist nicht allein“, einer Performance von Teilnehmenden des Instituts für Deutsche Sprache, die an diesem Abend zum ersten Mal aufgeführt wurde. In rotes Licht getaucht arbeiten sich die sechs Darsteller mit Fluchterfahrung einzeln an imaginären Wänden und Begrenzungen ab. Es folgen szenische Bilder von Hoffnung und Leichtigkeit, dann wieder von Einsamkeit und Überforderung. Die leidvollen Erfahrungen von Verlust und Einsamkeit kannte Kateryna S., die das Stück inszeniert hat. Vor zwei Jahren kam sie mit ihrem Sohn aus der Ukraine nach Deutschland, so wie einige der Frauen dieser Projektgruppe. Am Ende nehmen die Darsteller, darunter auch der Lebensgefährte der Verstorbenen, ein am Bühnenrand liegendes Seil auf, das sie miteinander verbindet. „Du bist nicht allein“,rufen sie dem Publikum zu. Das Stück, das an diesem Abend seine Premiere feierte, berührt mit seiner einfachen und doch ausdrucksstarken Bühnensprache. Das Thema Verlust wiegt angesichts des brutalen Todes von Kateryna Sniedkova doppelt schwer. Stark im Ausdruck waren auch die Beiträge des Mitmachprojekts der Volkshochschule Offenburg und der Fachklasse Tanz der Kunstschule. Verlust und Loslassen, Metamorphose und Wandel, Überforderung, Sinnlosigkeit und Schmerz, Zusammenhalt und Vereinzelung waren die Themen der Erwachsenen, die tänzerisch und schauspielerisch interpretiert wurden. Eine Choreografie der VHS-Gruppe mit ploppenden Saugnäpfen zeigte die Sinnsuche und Überforderung des Einzelnen in der modernen materialistischen Leistungsgesellschaft. „Morgen wird es mir schwerfallen aufzustehen.“ Ein roter Luftballon, überbracht von einem der jungen Darsteller, symbolisierte die Hoffnung, auch auf ein generationenübergreifendes Miteinander in einer Welt zwischen Realität und Utopie.

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